Kritik
Gerade erst geht im Theater Spielraum die Wiederaufnahme von George Orwells „1984“ zu Ende, über die auch IOCO berichtet hat (Link zum Artikel hier), da kündigt sich bereits die nächste Rückkehr einer bemerkenswerten Produktion der vergangenen Spielzeiten an: Ab 13. Oktober 2026 steht Sam Holcrofts „Spiegel“ wieder auf dem Programm. Drei Wochen lang, bis zum 31. Oktober 2026, ist die Inszenierung von Gerhard Werdeker jeweils von Dienstag bis Samstag zu sehen.
Dass „1984“ und „Spiegel“ im Spielplan beinahe unmittelbar aufeinanderfolgen, ist durchaus passend. So unterschiedlich beide Werke in ihrer Entstehung, ihrer Dramaturgie und ihren theatralen Mitteln sind, kreisen sie doch um Fragen, die einander erstaunlich nahekommen: Wer bestimmt, was als Wahrheit gelten darf? Wie lässt sich Wahrnehmung beeinflussen und kontrollieren? Und was geschieht, wenn Sprache nicht mehr allein der Verständigung dient, sondern zum Instrument der Macht wird?
Bei Orwell ist es der totalitäre Staat, der Vergangenheit umschreibt, Sprache beschneidet und schließlich selbst darüber entscheidet, was wirklich ist. Sam Holcroft wählt in „Spiegel“ einen anderen Zugang. Bei ihr geraten Kunst und Theater ins Zentrum eines Systems, das darüber wacht, welche Geschichten erzählt werden dürfen. Ein junger Autor trifft auf jene Instanz, die über die Aufführung seines Stückes entscheidet – und aus dieser zunächst überschaubaren Konstellation entwickelt Holcroft ein raffiniertes Spiel mit Zensur und Kunstfreiheit, Wahrheit und Fiktion, Wirklichkeit und Täuschung.
dieser Abend zählt ohne jede Übertreibung mit zu einer der spannendsten Orwell Varianten die ich kenne. Packend von Beginn an hält einen diese so raffiniert gebaute wie großartig realisierte Geschichte rund um die Fragen von Wahrheit und Kunst, von Angepasstheit versus schrankenloser Offenheit, durchgängig gefangen. Und das aber bitte über pausenlose knapp zweieinhalb Stunden. Diese verfliegen zu lassen, auch das benötigt ganz große Kunst 🙏🥰
(...) gnadenlos gut inszeniert und ebenso perfekt umgesetzt, gespielt. All the credits an Gerhard Werdeker sowie Paul Wiborny, Paul Graf, Anna Zöch, Adrian Stowasser, J-D Schwarzmann und Samuel Schwarzmann (diese beiden verantworten auch diese geniale Bühne, diese multifunktionalen Bauteile 🙏)
Dazu, und was soll ich sagen, ebenfalls jeweils (wieder) perfekt, Kostüm: Anna Pollack, Bühnenmusik: Bernhard Jaretz und das Licht: Tom Barcal 🙏🥰
Aber sowas von heftigster Empfehlung!!!
* Empfehhlung der falter.at Programmredaktion: Politthriller über Zensur und Meinungsfreiheit: Getarnt als Hochzeitsfeier führt eine Widerstandsgruppe ein illegales Stück auf, in dem ein kunstsinniger Beamter erstaunliches Verständnis für begabte junge Autoren zeigt, statt sie der Zensurbehörde auszuliefern. Oder ist alles ganz anderes? "Es lohnt sich, wenig über die raffiniert gebaute Handlung zu wissen, bevor man die deutschsprachige Erstaufführung des West-End-Hits ansieht", urteilt Falter-Kritiker Martin Pesl. "Dann hält man die beträchtliche Dauer von fast zweieinhalb Stunden dank der Spannung gut aus. Nur so viel noch: Pause kann es keine geben, denn die Aufführung ist ohnehin illegal und könnte jederzeit von der Geheimpolizei gesprengt werden. (…) Ein leider hochaktueller Abend über die Mechanismen, durch die Wahrheit zu Lüge wird."
SPIEGEL-Skandal! Ensemble & Publikum angezeigt! Die Zensur kennt keinen Spaß, wenn es um die Wahrheit geht ...von der Obrigkeit sind „inspirierende“ Fake News gewünscht. Schauplatz dieser Auseinandersetzung zwischen staatlich genehmigter Kunst und dem Schaffen eines kritischen Untertanen ist ein totalitär regierter Staat, der immer auch irgendwo Krieg führt. ... Damit liegen erschreckend aktuelle Parallelen auf der Hand und das Theater im Theater im Theater gewinnt gewaltig an politischer Brisanz. In der Inszenierung von Gerhard Werdeker wirkt ein junges Ensemble, das mit raffiniertem Spiel auf der Grenze zwischen Tatsachen und Lügen das Publikum gründlich verunsichert.
Bis dass die Zensur uns scheidet - Seifenblasen, laute Musik, eine Candy Bar vor dem Eingang: Ehe man sich versieht, scheint man bei „Spiegel“ im Theater Spielraum nicht Zuschauer, sondern Gast einer Hochzeitsgesellschaft zu sein. An die Stelle der Eintrittskarte tritt eine Einladung zur Hochzeit von „Leyla & Joel“. Wer sich als geladener Gast fühlt, ist längst mehr: Mitwisser einer Aufführung, die die Zensur nie genehmigt hätte. (...) "Kunst zeigt einem nicht nur, was ist, sondern auch, was sein könnte“, heißt es im Stück. Genau das macht sie für Regime gefährlich. Holcroft und das Theater Spielraum machen daraus kluges Theater, das nie belehrt: Man kommt zu einer Feier, die es nicht gibt, sieht ein Stück, das es nicht geben darf, und applaudiert am Ende auch dafür, dass man es sehen durfte. Eine Einladung, die man nicht ausschlagen sollte.