Kritik
„Spiegel“ – Theater spielen, bis die Polizei kommt. (...) Es lohnt sich, wenig über die raffiniert gebaute Handlung zu wissen, bevor man sich die deutschsprachige Erstaufführung des West-End-Hits in Gerhard Werdekers Regie ansieht. Dann hält man die beträchtliche Dauer von fast zweieinhalb Stunden dank der Spannung gut aus. Nur so viel noch: Pause kann es keine geben, denn die Aufführung ist ohnehin illegal und könnte jederzeit von der Geheimpolizei gesprengt werden.
Das Ensemble überzeugt mit Tempo und Authentizität: Paul Wiborny zeichnet den Čelik gefährlich selbstsicher, Paul Graf den Adem entwaffnend naiv. Anna Zöch spielt eine autoritätshörige Ex-Soldatin, Adrian Stowasser einen sich für die eigene Regimetreue hassenden Autor. Fazit: ein leider hochaktueller Abend über die Mechanismen, durch die Wahrheit zu Lüge wird.
Im Versuch, Wahrheit auf der Bühne zu zeigen, verstricken sich die Figuren in ein Geflecht aus Überwachung und Täuschung. Was als Theater im Theater beginnt, kippt in ein gefährliches Machtspiel, in dem Realität und Inszenierung ununterscheidbar werden. Holcrofts Stück wird so zum Spiegel der Frage, wie sehr wir alle Gefangene unserer eigenen Bilder sind.
In dieser Inszenierung wird die Bühne zum Labor der Wahrheit. (...) SPIEGEL ist eine glänzend gespielte Versuchsanordnung über Macht und Moral. Das Ensemble überzeugt durch psychologische Präzision, sprachliche Schärfe und ein seltenes Gespür für die Zwischentöne des Absurden. Sam Holcrofts Stück wird hier zu dem, was es verspricht, ein gefährlicher, verführerischer Spiegel, in dem jede Lüge einen Funken Wahrheit enthält. 6 von 6 Sternen: ★★★★★★
Sam Holcrofts Stück „Spiegel“ war auf mehreren Ebenen faszinierend, verworren und aufrührerisch. Die zahlreichen unerwarteten Wendungen sorgten dafür, dass die Spannung bis zum überraschenden Ende erhalten blieb. Die fesselnde Inszenierung von Regisseur Gerhard Werdeker überzeugte durch vielen Details und präzise platzierte witzigen Pointen. Mit wenigen Handgrif-fen der Schauspieler*innen verwandelte sich die Bühne von J-D und Samuel Schwarzmann in unterschiedliche Schauplätze. Zum gut eingespielten Kreativ-team gehörten weiters Anna Pollack (Kostümbild), Tom Barcal (Licht) (...) Das sechsköpfige Ensemble bot durchgehend eine brillante Leistung. unisex-Bewertung: 4,5 von 5 Punkten
„Spiegel“ im Theater Spielraum ist kein Theaterabend, der beruhigt – sondern einer, der entlarvt. Sam Holcrofts Stück über Zensur und Wahrheit wird von Gerhard Werdeker präzise, vielschichtig und mit einem großartigen Ensemble auf die Bühne gebracht. (...) Werdeker inszeniert dabei mit einem feinen Gespür für Rhythmus und Stille. Er vertraut seinen Darsteller:innen, lässt sie präzise und glaubhaft agieren und durchbricht zugleich immer wieder den vermeintlich sicheren Boden der Bühne, indem er Realismus, Spiel-im-Spiel und staatlich verordnetes Theater aufeinanderprallen lässt. (...)
Das Publikum reagierte mit großer Begeisterung – und das zu Recht. Diese Inszenierung zeigt ein Ensemble, in dem jede und jeder nicht nur für sich überzeugt, sondern vor allem auch im Zusammenspiel wirkt. Paul Wiborny, Paul Graf, Anna Zöch und Adrian Stowasser tragen den Abend mit präzisem, intensivem Spiel; die Nebenrollen greifen stimmig ein. Man spürt, dass hier kein Zufall auf der Bühne steht – sondern eine gemeinsame Haltung zum Text. Gerhard Werdekers Inszenierung ist klar, konzentriert und treffsicher geführt. Sie vertraut Holcrofts Stück und nimmt es ernst, ohne es didaktisch auszulegen. Bühne und Kostüm bleiben bewusst reduziert und schaffen gerade dadurch Raum für die Sprache, die Machtverhältnisse und die stillen Brüche zwischen Spiel und Wirklichkeit. Am Ende bleibt ein Abend, der gleichermaßen unterhält und verstört, der Lachen zulässt und doch nie harmlos wird. Ob das, was man gesehen hat, nun Wahrheit ist – oder nur eine besonders gut erzählte Lüge –, lässt das Stück offen.
Und wer wissen will, ob auch diese Kritik vielleicht nur eine Lüge ist, kann sich bis Ende November selbst ein Bild machen.
(Die) Inszenierung räumt den jungen Darsteller*innen, ihrem famos eindringlichen Spiel und dem Hünen von einem Text klare Priorität in der szenischen Umsetzung ein. Kein visueller Pomp, keine wummernden Soundwaves. „Spiegel“ ist die ungefilterte Wucht des Sprechtheaters. Nichts anderes verlangen Dialoge dieses Formats und Ausmaßes. In kurzweiligen zweieinhalb Stunden oder auf 89 Seiten seziert Holcroft minutiös totalitäre Systeme und deren Mechanismen, als wäre es 1984. (...) Werdeker gelingt (...) ein kafkaeskes Vexierspiel voller atemberaubender Würfe. Es zeigt die Furcht brutaler Regime vor Wahrheit und Verlust ihrer Legitimität genauso, wie die vermeintlichen Held*innen, die sie ins Wanken bringen können. Die analytische Schärfe mit der Holcroft diesen politischen Kontext durchleuchtet und die literarische Finesse, mit der sie ihre Figuren sprechen lässt, vereinigen sich zu einem Triumph der Erzählkunst, wie man ihn auf den großen Bühnen Wiens erwarten würde.
Feier einer Hoch-Zeit oder Niedergang der Kunstfreiheit?
Das klug gebaute, tiefsinnige, schaurig-arge Matrjoschka-artige Stück „Spiegel“ zwischen Wahrheit und Zwang zum Schönfärben als deutschsprachige Erstaufführung im Theater Spielraum in der Wiener Kaiserstraße.
Auf das Publikum wartete mit diesem Stück der jungen britischen Autorin Sam Holcroft ein spannender Abend über Meinungsfreiheit und Zensur, über Kunst versus Totalitarismus – in raffinierter Verpackung mit vielen unerwarteten Wendungen.